
Wenn wir versuchen, in allem perfekt zu sein, wenn wir uns selbst als perfekt sehen, wenn wir in uns selbst keine Nichtperfektionen erkennen, dann verbergen wir vor uns selbst unseren eigenen Schatten. Perfektion ist hier gemeint als das ideale Bild seiner Selbst, das sich im Prozess der Sozialisation innerhalb einer bestimmten Kultur in der Psyche eines Menschen herauskristallisiert. Und zwar ist dieses ideale perfekte Selbst das Selbst, das absolut den Kriterien der jeweiligen Gesellschaft entspricht. Es ist nicht das Bild des Selbst , das man wirklich sein möchte, jedoch weiss man es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn man hat sich selbst noch nicht erkannt. Dieses Selbst ist die Persona. Eine Maske. Eine künstliche Identität.
Wenn wir zu diesem perfekten Selbst werden, dann werden wir absolut geliebt und akzeptiert – so die Fantasie. Wir wollen also diesem Bild so nahe wie möglich kommen und so bilden wir die sogenannte Persona. Ein künstliches Gebilde, mit dem wor vor die Welt treten. Eine Maske, hinter der wir das wirkliche wahre Selbst verstecken. Hinter dieser Maske der Persona verbirgt sich jedoch der Schatten. Die dunkle Seite. Oder besser gesagt: alles, was noch wachsen muss, was noch reifen muss oder was noch transformiert werden muss. Und auch alles, was wir nicht akzeptieren an uns selbst, weil es mit den gesellschaftlichen Normen nicht übereinstimmt. Wir verstecken es also, weil wir Ablehnung fürchten, weil wir Angst davor haben, nicht geliebt zu werden, nicht bedingungslos geliebt zu werden. Der Schatten ist alles, woran wir noch arbeiten müssen, aber auch alles, was uns bereichern kann, unabhängig von den Normen und den Erwartungen der Gesellschaft . Alles, was letztendlich unser Potential zur Verbesserung und zur Evolution darstellt, aber auch alles, von dem wir vermuten, dass unsere Umwelt es nicht akzeptieren wird. Dunkle Seite ist es, weil wir sie vor dem Licht unseres eigenen Bewusstseins versteckt haben. Wir wollen nicht auf bestimmte Aspekte unseres Selbst schauen, weil wir uns selbst nicht bedingungslos lieben, weil wir das Urteil anderer über uns fürchten, weil wir nicht eine bedingungslose Liebe für das eigene Selbst empfinden, die wir aber erst lernen müssen.
All das, was wir in anderen als falsch und böse empfinden, sind die Projektionen des eigenen Schattens. Und dieser Schatten – wenn nicht mit dem Licht des eigenen Bewusstseins beleuchtet und angenommen, und völlig akzeptiert – wird einen großen Schaden in unserem eigenen und dem Leben anderer anrichten. Aber wenn wir all das, was wir an uns hassen oder dessen wir gar fürchten oder uns schämen, mit Liebe annehmen, dann befreien wir diese grosse Kraft und verwandeln sie in etwas, das Gutes bewirken wird. Dann werden wir wachsen, dann beschreiten wir die Spirale der Entwicklung statt stecken zu bleiben in Unkenntnis.
Also frage ich jetzt mich selbst: was hasse ich an mir, wessen schäme ich mich, was möchte ich vor anderen verstecken, was möchte ich vor mir selbst verstecken, wo empfinde ich Groll ? Was möchte ich laut und deutlich ausprechen, wie lautet das, was ich in mir spüre, aber mich fürchte, es auszusprechen ? Was ist die Wahrheit, die ich fühle ? Zu wem möchte ich „Nein“ sagen, wozu „Stop“ ?
Und wenn ich keine Antworten finde, weil mein Schatten bereits so tief in meinem Unterbewusstsein durch mich selbst vergraben wurde? Dann frage ich mich: was verurteile ich an anderen, was hasse ich an anderen Menschen? Dann weiss ich nämlich: das sind Projektionen meines eigenen Schattens. Dann erkenne ich ihn, denn ich sehe sein Spiegelbild in anderen Menschen. Die anderen Menschen sind mein Spiegel. So wird ein Mensch am DU zum ICH. Dann kann ich diesen meinen kostbaren, sehr kostbaren Schatten integrieren. Dann erst werde ich zum authentischen wahren ICH, in dem alles kohärent, alles zu einer Einheit wurde.
MEIN Schatten wird nur im Antlitz meiner eigenen uneingeschränkten Liebe zu diesem meinen Schatten und folglich zu mir selbst transformiert werden und nicht mehr länger Schaden anrichten. Statt dessen verwandelt er sich in Licht, in Energie, die ich nutzen kann zum Besten meiner Selbst und aller Menschen. Dann erhebe ich mich auf eine höhere Ebene, dann kann ich konstant wachsen. Dann kann ich mich endlich auf den Weg machen in Richtung wahrer Grösse. Und wenn ich die Schatten der anderen Menschen erkenne und sie ganz akzeptiere, und es den Menschen auch so zeige – dass ich ihre Schatten sehe und sie gänzlich akzeptiere – dann wachsen wir alle. Dann bewirken wir eine bewusste Evolution.
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